WERK ERICH ENGELBRECHT

 

Erich Engelbrecht besucht im Jahr 1974 Werner Haftmann, den damaligen ersten Direktor der Berliner Nationalgalerie. Er legt ihm Beispiele seiner Graphiken und Abbildungen seiner Malerei vor. Werner Haftmann sichtet sie lange und nachdenklich. Schließlich hebt er den Kopf und sagt: ’’Ich bilde mir ein, alle wesentlichen Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts zu kennen, aber ich finde nichts was Ihrer Arbeit vergleichbar wäre.’’ Nach einer kürzeren Pause: ’’Vielleicht Viktor Brauner?’’ Nach einer noch kürzeren Pause: ’’Nein, der auch nicht. Ihre Arbeit ist völlig singulär.’’

 

Werner Haftmann hatte ein zweibändiges, vielbeachtetes Werk verfasst ,,Malerei im 20. Jahrhundert’’. Er galt in dieser Zeit als der beste Kenner der unterschiedlichen Kunstrichtungen dieser Epoche. Dem Ausstellungswunsch Erich Engelbrechts konnte er nicht entsprechen, da er ein Vierteljahr später aus dem Amt schied.

 

Was ist das Ungewöhnliche am Werk dieses bildenden Künstlers?

 

Es gibt in der Sprache einen engen Zusammenhang zwischen sinnlicher und geistiger Wahrnehmung. Schon der Begriff ’Bedeutung’ folgt einem solchen Zusammenhang. Der Urmensch ’’deutete’’ mit dem Finger auf dasjenige, was sich auch ein Zweiter anschauen sollte. Gleichzeitig gab er einen besonderen Laut von sich. Es entstanden Übereinkünfte. Gleiche Laute bedeuteten dieselben Dinge, auch wenn man sie gar nicht mehr gemeinsam vor Augen hatte. Um schließlich auch geistige ’Vorgänge’ und seelische ’Erlebnisse’ mitzuteilen, benutzte man leicht abgewandelte Gleichnisse der sinnlichen Wahrnehmung. Alle unsere sogenannten ’’abstrakten’’ (= abgezogenen) ’Begriffe’ ’’greifen’’ auf die sinnliche Wahrnehmung zurück. Das griechische Wort ’Psyche’ z.B. bedeutete ursprünglich ’Hauch’, und wenn wir uns niedergeschlagen fühlen, heisst das nicht, dass wir tatsächlich auf dem Boden liegen.

 

Erich Engelbrecht arbeitete wie der Urmensch. Er dachte sich seine Bilder nicht aus, er intuierte sie (’intuere’ bedeutet im Lateinischen ’hineinschauen’, ’Inneres erschauen’). Er nannte seine Bilder in Anlehnung an C.G. Jung ’’archetypisch’’. Das Wort ’Archetyp’ stammt aus dem Griechischen und bedeutet ’Urbild’, ’Urform’ oder ’älteste erreichbare Gestalt’.

 

Waltraud Engelbrecht

Holterdorf, Dezember 2013